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Der Alpenritt 2005 - von München (Kloster Andechs) nach Meran
Es ist frühmorgens am Samstag, dem 14. Mai 2005. Auf dem großen Parkplatz vor dem Kloster Andechs treffen nach und nach Autos mit Pferdeanhängern ein. Die Nummernschilder verraten, dass diese Gespanne aus den verschiedensten Gegenden Deutschlands angereist sind. Als die Leute aussteigen und beginnen, sich zu unterhalten, wird klar: Hier trifft sich ein munteres Völkchen mit den verschiedensten Dialekten aus deutschen Landen. Doch scheinbar versteht man sich trotz diverser Sprachbarrieren recht gut. Der Grund dafür offenbart sich, als die Pferdeanhänger geöffnet werden und Vierbeiner heraustreten, die mit ihren unterschiedlichsten Rassen und Farben einen ebenso bunten Anblick bieten wie ihre Besitzer. Man ist sich also zugetan, weil die Liebe zu den Pferden, auf deren Rücken ja bekanntlich auch das Glück dieser Erde beheimatet sein soll, sie alle vereint, diese Freizeit- und Wanderreiter. Wenn sich auch einige Rösser ihren, bis dato noch unbekannten, Artgenossen gegenüber, ziemlich reserviert verhalten oder dem fremden Kollegen und der Kollegin nicht auf Anhieb freundlich begegnen. "Das ändert sich schon bald," erklärt Rittführer Schorsch, "Pferde sind Herdentiere und die wachsen sehr schnell zu einem verschworenen Haufen zusammen." Um was geht es also genau an diesem Samstagmorgen ? Hier beim Kloster Andechs ist der Startpunkt eines ganz besonderen Abenteuers für Mensch und Tier. Bereits zum sechsten Mal wird in diesem Jahr der Alpenritt des Bundesverbandes der VFD, der Vereinigung der Freizeitreiter und -fahrer in Deutschland e.V., veranstaltet. Verantwortlich für die Organisation ist wie immer Tina Dambacher aus dem bayerischen Kraiburg. Sie ist eine begeisterte Pferdeliebhaberin, die zwar dem schon erwähnten Rücken adé gesagt hat, aber immer noch mit ganzem Herzen an den Vierbeinern hängt. Unterstützt wird sie hierbei von ihrem Team aus Rittführern und Trossmitarbeitern. Und das ist auch vonnöten. Hat man sich doch einiges vorgenommen. Man will mit ca. 40 Pferden und deren Reiterinnen und Reitern in neun Tagen mit Zielort Pferdestadt Meran die Alpen überqueren. "Ich weiß, dass das nicht ohne Probleme abgehen wird," sagt Tina Dambacher, "aber alle Beteiligten werden dafür um ein wirklich großes Erlebnis bereichert werden." Doch bevor es soweit ist, werden bei einem gemütlichen Frühstück in der Klostergaststätte die persönlichen Bekanntschaften noch etwas weiter vertieft. Rittführer Schorsch klärt die Teilnehmer über notwendige Verhaltensweisen und eventuelle Gefahren auf. Anschließend versieht der Prior des Klosters Andechs, Pater Valentin, auf dem Parkplatz Pferde und Reiter mit Gottes Segen. Und als diese dann zur ersten Tagesetappe aufbrechen, setzt sich eine Karawane in Bewegung, die fast schon den Eindruck einer großen Herde bietet. Nach einem Ritt durch die wundervolle Seen- und Flusslandschaft Oberbayerns kehrt man um die Mittagszeit auf einem Pferdehof zum Picknick ein. Alles ist von der Begleitmannschaft gut vorbereitet und findet große Anerkennung. "Bis jetzt hänn isch kei Problem ghatt," versichert mir Landschaftsgärtner Klaus, "aber da kommt sicher scho no was." Wie recht er doch behalten soll. Die erste härtere Prüfung wartet nämlich schon am Nachmittag. War man am Morgen noch bei strahlendem Sonnenschein losgeritten und hatte sich beim Mittagspicknick im Grase geaalt, ist der Wettergott jetzt nicht mehr so gut gelaunt. Eiskalt peitscht der Regen in die Gesichter und der Wert einer guten Wanderreiterausrüstung macht sich bezahlt. Wenn auch das Bild, dass sich jetzt bietet, eines gewissen Sinns und Zaubers nicht entbehrt. Denn, Mensch und Tier gemeinsam im Kampf gegen die Naturgewalten, sowas verbindet. Der rührige Trossleiter Peter Lebek und seine Helfer haben derweil das trockene Gepäck der Teilnehmer wohlbehalten in der ersten Abendstation abgeliefert. Und als man das Nachtquartier in Peiting erreicht, die Pferde untergebracht und versorgt, die nassen Klamotten zum Trocknen aufgehängt sind und man sich nach einer heißen Dusche im Hotel zum exquisiten Abendessen trifft, sind Sturm und Regen schnell wieder vergessen. Allerdings resümiert einer der Betroffenen über einem Bierglas seine Erkenntnis des ersten Tages mit folgenden Worten: "Also, für Weicheier ist das wohl nix." Am nächsten Morgen entschädigt aber wieder die Sonne für am Vortag erlittenes, obwohl es immer noch recht frisch ist und die mitgebrachten Pullover auch weiterhin ihren Zweck erfüllen müssen. Zum Mittagspicknick hält man heute inne an einem weltberühmten Wallfahrtsort, der Wieskirche, und wird in selbiger durch ein kleines Orgelkonzert und einen kurzen Vortrag auch in kultureller Hinsicht erfreut. Am Abend beziehen Mensch und Tier dann Quartier in der Festspielstadt Oberammergau und mancheiner nutzt die Angebote des Hotels, indem er Whirlpool und/oder Sauna benutzt, um seine Muskeln etwas zu lockern, bevor es zum Abendessen geht. Immerhin ist man jetzt ja auch schon zwei Tage unterwegs. Und vonwegen "Rücken der Pferde". Immer wieder gibt es auch Passagen, wo der getreue Vierbeiner am Zügel geführt werden muss und der Führer den Weg auf "Schusters Rappen" zurücklegen darf. "So ist das nun mal, bergauf reiten wir und bergab führen wir," erklärt Rittführer Andreas, "da muss man durch." Apropos durch: Am dritten Tag steht die Durchquerung des Flusses Loisach auf dem Programm. Obwohl einige Reiter davor einen gehörigen Respekt haben, "Wasser mag er nicht", geht alles glatt. Nach dem Motto: "Da wo du hingehst, da will auch ich hingehn", fegt die nun schon ziemlich geeinte Pferdeherde die Bedenken ihrer Besitzer weg und tobt durch das Wasser der Loisach. Den zahlreichen Zuschauern, die sich am Ufer eingefunden haben, bietet sich hierbei ein solch imposantes Bild, dass sie die ganze Aktion mit stürmischem Applaus begleiten. Anschließend geht es mit dem ersten größeren Aufstieg bei Grainau am Eibsee vorbei zum Törl auf ca. 1.400 Meter Höhe an der Nordseite der Zugspitze. Dort regnet es mal wieder in Strömen und wenn man den Blick nach oben schweifen lässt, stellt man fest, dass es da sogar schneit. Wie gut, das alles wieder bestens organisiert ist, als man glücklich das österreichische Lermoos erreicht. Klaus, aus der Nähe von Berlin, der den Ritt mit einer Leihstute unternimmt, hat dieser bereits ganz liebevoll einen Kosenamen gegeben. Sie heißt jetzt "Lotte" und Klaus redet fast ununterbrochen mit ihr: "Lotte, komm, ick weeß, det Wetter is Mist. Mir taucht det ooch nich, aber wir zwee beeden, wir stehn det durch." Und nur für Menschen, die sich m i t Tieren nicht auskennen, mag es verwunderlich sein, dass man hierbei den Eindruck hat, dass die "Lotte" ihren Klaus versteht und scheinbar ein glückliches Gesicht macht, als Klaus ihr einen "Gute-Nacht-Kuss" gibt und sagt: "Na, denn bis morjen, meene Kleene." Wenn die Gebete von Beteiligten und der Segen des Pater Valentin tatsächlich helfen können, dann tun sie es am nächsten Tag. Bei herrlichstem Wetter geht es auf dem alten Römerweg mit anspruchsvollem Auf- und Abstieg über den Fernpass, am smaragdfarbenen glasklaren Fernsteinsee vorbei, durch Landschaften, deren Schönheiten den Geist anfangen lassen zu fliegen und Eindrücke vermitteln, die sicherlich noch lange in den Köpfen der Reiter weiterwehen. Nachdem es am Abend für alle Pferde eine Tierarztkontrolle gegeben hat und alle Tiere für tauglich befunden wurden, wird am nun schon fünften Tag zur Mittagsrast eine Rarität der besonderen Art besucht: "Neu Amerika". Hier im Pitztal hat sich ein Amerika-Heimkehrer eine Pferderanch nach amerikanischem Vorbild gebaut. Augenblicklich glaubt man, sich in einem Western-Film zu befinden, als unsere Abenteurer sich ganz stilecht mit ihren langen "Django-Mänteln" auf den Weg in den Saloon machen. Doch leider zeigt sich das Wetter mal wieder nicht von seiner besten Seite und der anschließende Aufstieg zum "Gachen-Blick" auf 1.600 Meter Höhe, wo sonst eine herrliche Aussicht ins Inntal geboten wird, wird von Regen und Nebel umschleiert. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt. Und in diesem Falle heißt die Hoffnung: "Bella Italia". Denn dorthin geht es morgen. Und tatsächlich, durch lanschaftlichen Augenschmaus begibt man sich bei strahlendem Himmel hinauf zum Reschenpass. Wobei sich die österreichische Polizei als wahrer Freund und Helfer erweist und die Straße für die Karawane sichert. Jedem Reiter wird wohl noch lange das Geklapper der Hufe in den Ohren klingen, das den Durchritt durch die Tunnel in Richtung Passhöhe auf imposante Art begleitet. Als man den Reschenpass nach einem Begrüßungsschluck in Form italienischen Weines hinter sich gelassen hat, darf am Abend bei herrlichstem Sonnenuntergang am Reschensee die Ankunft in "Bella Italia" dann ruhig auch noch etwas gefeiert werden. Denn, der schwierigste Teil des Unternehmens Alpenritt ist nun geschafft. Auch am siebenten Tag wird nicht geruht, sondern man macht sich auf den Weg durch das liebliche Vinschgauer Tal und die Ötztaler Alpen, die in ihrer Mächtigkeit und Größe wie eine Landschaft aus dem fernen Tibet anmuten. Die Gastfreundschaft der Südtiroler bekommt man zu spüren, wenn in romantischen Städtchen die Alpenüberquerer mit Jubel, Beifall und Wein begrüßt werden. Dass die Italiener einen Geheimvertrag mit der Sonne haben, wird ja schon lange vermutet und jetzt dadurch bestätigt, dass mittlerweile TShirts das vorherrschende Kleidungsstück sind und sich die Gesichtsfarben der Reiterinnen und Reiter in Richtung "naturgeprägt" und "wohlig gebräunt" verändern. Die Stimmung ist ausgesprochen gut, als sich die zusammengeschweißte Truppe aus Vier- und Zweibeinern durch die Höhenlandschaft des Vinschgaus zieht und sich durch Obstund Weinplantagen der letzten Abendstation in dem Ort Naturns nähert. Ganz formidable wird man vom Bürgermeister auf das Herzlichste begrüßt und einmal mehr in trink- und essbarer Form mit den Köstlichkeiten der Region bewirtet. Beim Abendessen ist a l l e n R e i - tern die große Vorfreude auf den nächsten Tag, das Ziel, den Einritt in die Pferdestadt Meran, anzumerken. Auch werden an diesem Abend bereits die ersten Anekdoten kolportiert. Da wird zum Bespiel gesprochen über den Franz, der mit seinem Pferd die tollsten Zirkus-Kunststücke vorführen konnte und damit zur allgemeinen Unterhaltung und Verwunderung beitrug. Oder über die Claudia, die aus Bozen stammt und sozusagen nach Hause geritten ist. Und natürlich geht es auch wieder um den Klaus und seine "Lotte". Wer kann dies "liebende Paar" bloß wieder trennen ? Klaus hat seiner "Lotte" versprochen, sich für den Einritt in Meran besonders schick zu machen und deshalb im Hotel angefragt, ob man ihm zu diesem Zwecke nicht ein Hemd waschen könne. Selbstverständlich ist auch das kein Problem, und Klaus wird standesgemäß mit seiner "Lotte" ankommen. Als am neunten Tag der ganze Tross in Polizeibegleitung durch das "Vinschger Tor" nach Meran einreitet und sich unter dem Beifall der Einwohner und Touristen durch die Altstadt zum Reitzentrum begibt, wo die Abschlussfeier mit Urkunden- und Plakettenverleihung stattfindet, da ist wohl jeder Teilnehmer stolz, dieses Abenteuer, diese Herausforderung an Mensch und Tier bestanden zu haben. Und der Berichterstatter stellt fest, dass in den letzten neun Tagen eine Wandlung mit den Teilnehmern geschehen ist. Pferd und Mensch sehen irgendwie gesünder aus und wirken trainierter. Auch bilden sie mittlerweile eine große Gemeinschaft, eine Herde eben, in der sich vielleicht sogar neue Freundschaften entwickelt haben. Und ein stolzer Alpenreiter sinniert mit verträumtem Blick: "Wunderschön war´s. Ich kann´s gar nicht glauben, dass das jetzt zu Ende sein soll. - Aber für Weicheier ist das wirklich nix." "Das soll es ja auch nicht sein," bestätigt die, über den glücklichen Verlauf hocherfreute, Organisatorin Tina Dambacher, "es soll ein Abenteuer sein für Wanderreiter, die mit ganzem Herzen und Einsatz bei der Sache sind." Und wie man hören kann, haben sich das einige Teilnehmer schon für 2006, sozusagen als "Wiederholungstäter", abermals fest vorgenommen. In neun Tagen von München nach Meran mit dem Pferd über die Alpen, das ist nun mal ein ganz besonderes Erlebnis für Mensch und Tier, das verbindet, die Erinnerung prägt und begeistert.  
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