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Verschiedene Formen von Verhaltensstörungen
und deren Vermeidung Wir leben heute viel intensiver
mit unseren Tieren zusammen,
sehen unser Pferd meist als Familienmitglied
und Freizeitpartner
an und bauen eine innige Beziehung
zu unserem Freund auf.
Diese innige Beziehung bringt
manchmal jedoch auch Probleme
mit sich, sowohl für den Menschen,
als auch für`s Pferd. Diese
Probleme äußern sich in mehr
oder weniger schweren Verhaltensstörungen,
unter denen der
Pferdehalter, das Pferd und seine
Umwelt sehr leiden.
Verhaltensstörungen
werden in zwei
Kategorien unterteilt:
1. Echte Verhaltensstörungen
mit Schadensfolge:
Hier besteht der Schaden zum
Beispiel in einer Teilzerstörung
von Organen, Beschädigungen
und Funktionsstörungen (z. B.
Koppen, Barrenwetzen: Abnutzung
der Zähne, Koliken oder
auch Hautverletzungen bei
übermäßigem Scheuern oder
Autoaggression).
2. Schadensvermeidende Reaktionen
im Sinne von Anpassungen
an die Einwirkungen
des Menschen:
Hierzu zählen beispielsweise:
Scheuen, Bösartigkeit, Aggressivität,
Zungenstrecken und
Stätigkeit.
Abnormales Verhalten kann sich
in sehr verschiedener Weise
äußern und unterschiedlichste
Funktionskreise betreffen. Es kann
sich hinsichtlich seiner Qualität
oder Quantität vom arttypischen
Verhalten unterscheiden. Bei qualitativen
Unterschieden kommen
die gezeigten Verhaltensweisen
im normalen Ethogramm nicht
vor (Koppen, Weben).
Bei quantitativen Abweichungen
kommt die Verhaltensweise an
sich zwar auch im normalen
Ethogramm vor, unterscheidet
sich aber hinsichtlich ihrer Frequenz,
Sequenz, Dauer, Häufigkeit
oder dem Kontext, im dem
sie gezeigt wird, deutlich vom
typischen Verhalten.
So leiten sich Verhaltensstörungen
bei Pferden von normalen
Verhaltensweisen des Pferdes oft
ab. Einige Verhaltensstörungen
sind schließlich nur als solche zu
definieren, da das Verhalten in
ständiger Wiederholung gezeigt
wird. So gehört beispielsweise
das Scharren bei Pferden – aus
bestimmten Anlässen kurz ausgeführt
– zum normalen Verhalten,
scharrt das Pferd jedoch
massiv über einen längeren Zeitraum,
so wird es zur Verhaltensstörung.
Ebenso verhält es
sich beim Kopfnicken/Kopfschlagen,
Zaun-Laufen, Stall-
Laufen, Schlagen gegen Gegenstände
mit dem Vorderhuf, Beknabbern
(= Fellpflege) anderer
Pferde, Scheuen, Lecken und
Holzfressen.
In bestimmten Situationen kurz
ausgeführt gehören die oben genannten
Verhaltensauffälligkeiten
zum arttypischen Verhalten.
Zur Verhaltensstörung werden
diese Verhaltensweisen erst durch
ständige Wiederholung und Steigerung
in dieses Verhalten. So
entstehen Verhaltensstörungen
meist aus der permanenten Steigerung
in eine – zielorientiert –
arttypisch gezeigte Verhaltensweise.
Diese Steigerung entsteht
meist aus Langeweile und fehlenden
Umweltreizen.
Verursacher von Verhaltensstörungen
bei Pferden ist
grundsätzlich der Mensch! Alle
Verhaltensstörungen resultieren
aus der Missachtung der
natürlichen Bedürfnisse von
Pferden!
Um pferdische Bedürfnisse auch
berücksichtigen und umsetzen
zu können, müssen wir Menschen
diese erst einmal kennen
lernen und uns mit ihnen intensiv
beschäftigen. Meist wird erst
das Pferd angeschafft, und sich
dann im Zuge aufkommender
Schwierigkeiten mit den Bedürfnissen
der Haltung, Fütterung
und des artgerechten Umgangs
beschäftigt. Schade, dass wir
Menschen nicht den umgekehrten
Weg gehen, uns erst einmal
mit dem Thema Pferd eingehend
auseinandersetzen und es erst in
dessen Anschluss anschaffen.
Wir würden uns und unserem
Freizeitpartner viele Unannehmlichkeiten
und Probleme
ersparen, wüssten wir vorher,
was wir berücksichtigen müssen,
um mit unserem Freund
glücklich zu werden. Wir bräuchten
weder Pferdeflüsterer oder
Tierkommunikatoren, noch
Bachblüten und Beruhigungstropfen (siehe auch www.pferdeglueck.
de):
Als kausale Ursache von Verhaltensstörungen
wäre die Langeweile
anzusehen, demnach eine
Unterbeschäftigung und das
Fehlen sozialer Reize, weitere Ursachen
finden sich in Stress, Überbeanspruchung/
Überforderung,
nicht pferdegerechtem Umgang,
Vernachlässigung, Einzelhaltung
– die, man glaubt es kaum, auch
heute noch vorkommt - fehlenden
Sozialgefügen und daraus
entstehenden psychischen Erkrankungen.
Das Pferd ist ein Dauerfresser,
Flucht- und Herdentier. Um
diese Grundbedürfnisse der
Pferdehaltung erfüllen zu können,
muss auch nach Domestikation
durch den Menschen dem
Pferd Gelegenheit gegeben werden,
nach diesen - seinen absoluten
Grundbedürfnissen – mit
ausreichenden Umweltreizen zu
leben.
Dies kann natürlich immer nur
begrenzt möglich sein, da wir
Pferde auf eingezäunten Flächen
halten müssen und selbstverständlich
kein frei wählbares unendlich
weiträumiges Gebiet
mehr zur Verfügung stehen
kann. Obwohl wir grenzenlose
Freiheit nicht bieten können, so
können wir doch dafür Sorge tragen,
dass auch unseren domestizierten
Pferden die Grundbedingungen
geboten werden, die
zur psychischen und physischen
Gesundheit und zum Wohlbefinden
zwingend erforderlich
sind. Was im Umkehrschluss ein
ständiges Rauhfutterangebot
außerhalb der Weidesaison,
großflächige Weidegebiete
ganzjährig, einen frei zugänglichen
Stall zum Schutz vor Witterungseinflüssen
und eine sozialverträgliche
Herde bietet.
Vor Domestikation fanden sich
Pferde in kleinen Gruppen, meist
2 - 6 Pferde zusammen und
schlossen sich - bei Bedarf - anderen
Gruppen an, von welchen
sie sich später wieder trennten.
Die Ansicht, dass Pferde in möglichst
großen Gruppen leben sollten,
um ein stabiles Sozialgefüge
zu entwickeln, ist demnach
nicht richtig.
Obwohl die individuelle Reizschwelle
beim einzelnen Pferd
sehr unterschiedlich ist, entwickelt
jedes Pferd bei dauernder
Boxenhaltung Verhaltensstörungen.
Hauptsächlich die
ständige oder überwiegende Haltung
in Boxen und natürlich Ständern
(die glücklicherweise in einigen
Ländern bereits verboten
sind) verursacht schwerste Verhaltensstörungen.
Ein Verhaltensstörungen noch
fördernder Faktor ist die zeitlich
begrenzte Fütterung von Rauhfutter
in Verbindung mit einer
Einstreu aus Alternativmaterialien.
In einer ständigen Boxenhaltung
werden den Grundbedürfnissen
Flucht- und Herdentier
keinerlei Beachtung geschenkt,
entzieht man hier noch
das dritte Grundbedürfnis, nämlich
die ständige Futteraufnahme
durch Alternativeinstreumaterialien
statt Stroh, wird keines
der drei grundlegenden Pferdebedürfnisse
befriedigt und eine
schwere Verhaltensstörung
ist bereits vorprogrammiert. Die
Frage, die sich hier noch stellt, ist, wann diese auftritt; auftreten
wird sie bei jedem Pferd. Sensibel
reagierende Pferde können
Verhaltensstörungen bereits nach
wenigen Tagen zeigen, Pferde mit
ausgeglichenem Gemüt erst nach
Wochen oder Monaten.
Ein zuvor artgerecht gehaltenes
Pferd, was wegen Krankheit 5 Tage
und Nächte in der Box verbringen
musste, entwickelte innerhalb
dieser Zeit bereits starke
Verhaltensauffälligkeiten (Zunge
spielen, scheuern, Gitterbeißen);
bei diesem sehr sensiblen
Pferd war die Reizschwelle
demnach überaus gering.
Verhaltensstörungen aus diesem
Umgang mit dem Pferd bleiben
nicht aus und sind - erst einmal
entstanden - nur durch eine artgerechte
und den Pferdegrundbedürfnissen
entsprechende Haltung
und Fütterung sowie stabile
Sozialkontakte mit entsprechenden
Umweltreizen - wenn
überhaupt - zu regulieren.
Da sich viele Verhaltensstörungen
zunächst in speziellen Situationen
entwickeln, im weiteren
Verlauf jedoch oft von der
Ursprungssituation unabhängig
werden und sich verselbständigen,
liegt häufig eine Therapieresistenz
vor. Die Beseitigung
des ursprünglichen Auslösers
und der Ursache reicht dann
nicht aus, um die Störung aufzuheben.
Da Verhaltensstörungen jedoch
eine Strategie des Pferdes darstellen,
mit Umweltbedingungen
besser umzugehen, die das normale
Anpassungsvermögen
überfordern, wird man in der Regel
durch optimale Umweltbedingungen
eine starke Verminderung
der Verhaltensstörung
feststellen können.
Desto länger Verhaltensstörungen
bestehen, umso schwerer
wird leider die Regulierung, da
sie längst zur liebgewonnenen
Gewohnheit geworden sind. Da
Verhaltensstörungen eine Ventilfunktion
sowie beruhigende
Wirkung auf das ausführende
Tier haben, sowie die vermehrte
Ausschüttung von Endorphinen
auslösen könnten, kann eine Therapie
nur die Ursache beseitigen,
um dauerhaft hilfreich zu sein.
Auch der Umgang mit dem Pferd
will individuell gelernt sein, der
Mensch sollte grundsätzlich das
"Alpha-Tier" darstellen und
nicht umgekehrt.
Wie der Umgang mit dem Individium
gehandhabt wird, kann
sich immer nur aus einer engen
Beziehung heraus entwickeln,
denn: nicht jedes Pferd kann
gleich geleitet werden. Bei Pferden
gelten die gleichen Gesetzesmäßigkeiten
wie bei anderen
Lebewesen, bei einem Tier reicht
schon ein scharfes Wort, um es
vor Angst zittern zu lassen, das
andere muss schon etwas härter
angefasst werden (Schläge natürlich
ausgenommen), um zu wissen,
was erlaubt und was verboten
ist.
So beispielsweise erfordert die
Hengsthaltung grundsätzlich
spezielle Kenntnisse, da Hengste
in aller Regel sehr dominant
sind und Menschen, welche nicht
genügend Dominanz aufweisen,
hier völlig fehl am Platze sind.
Seminare und Lehrgänge zum
Thema können uns sicherlich einiges
über einen artgerechten
Umgang vermitteln, noch wichtiger
empfinde ich persönlich jedoch
das Einfühlungsvermögen
und Verantwortungsbewusstsein
des Menschen selber, denn
selbst das informativste Seminar
kann uns Menschen nicht das
vermitteln, was wir selbst von
Kindesbeinen an nicht gelernt
haben.
Jeder Pferdemensch sollte sich
selbst kritisch in Frage stellen,
was den Umgang mit seinem Kameraden
erschwert, ist es vielleicht
ein eher "vertüddeln bzw.
verhätscheln", also zu wenig
Führung, oder ist es eine zu harte
Hand und fehlendes Einfühlungsvermögen,
was den Umgang
so schwierig macht? |
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