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Reiten mit Kindern
Mit diesen Übungen wird Ihr
Kind ein sicherer Reiter^ Manchmal tritt das Hobby Pferd in den Hintergrund, wenn Ihr
einst pferdenärrisches Kind heranreift. Manchmal tritt aber auch
das Gegenteil ein: Ihr Youngster entwickelt besonderen Ehrgeiz
im Reitsport, dem das bisherige Familienpferd auf sportlicher Sicht
nicht mehr so ganz genügt. Wie aber fördern Sie als Eltern
und/oder Ausbilder nun am besten
die neuen reiterlichen Interessen?
Können Sie Jugendlichen
überhaupt helfen, ihre reitsportlichen
Schwerpunkte zu definieren?
Wollen Sie gar nach
einem turniergeeigneten Pferd
für Ihren Nachwuchs Ausschau
halten?
Wie verändert sich die Einstellung
zum Pferd, wenn das
Kind heranwächst? Wie wichtig
ist jetzt das Gespräch mit dem
Reitlehrer? Welche Möglichkeiten
gibt es, Kinder weiter reiterlich
zu fördern? Was ist beim
Kauf eines neuen Pferdes –
speziell fürs Kind – zu beachten?
Die Antworten finden Sie auf den
folgenden Seiten. Vorbereitende Reitübungen:
Bis man sein eigenes
Pferd richtig unter
Kontrolle hat
Ihr Kind sitzt viel entspannter im
Sattel, wenn es sich sicher ist,
dass es sein Pferd im Gelände
kontrollieren kann. Viele Kinder
fürchten insgeheim, ihr Pferd
könne draußen noch viel eher
durchgehen, bocken oder sie bei
einem Scheusprung aus dem
Sattel katapultieren als im eingefriedeten
Viereck der Reitbahn.
Bevor sie ins Gelände gehen,
müssen sie daher die Erfahrung
machen, dass ihr Pferd ihnen
auch in etwas kniffeligeren Situationen
gehorcht. Solche Situationen
können Sie bereits auf
dem Reitplatz oder einer Ovalbahn
"nachstellen". Einige Reitübungen
führt Ihr Kind allein
mit seinem Pferd durch, für andere
ist eine Gruppe erforderlich.
Einzelübungen
■Ihr Kind führt sein Pferd an
verschiedene "Aufsitzhilfen"
(Zaun, Bank, stabile Kanister,
selbst gebaute Aufstieghilfe),
lässt es dort eine Weile stillstehen
und sitzt dann ohne Ihre
Unterstützung auf. Diese
Übung ist vor allem wichtig,
wenn Ihr Kind ein großes Pferd
reitet, auf das es allein nur sehr
mühsam "klettert".
■Nach dem Aufsitzen lassen Sie
Ihr Kind nicht gleich anreiten,
sondern mindestens drei Minuten
warten. Der Zügel darf
dabei nicht angenommen sein,
sondern muss durchhängen.
Diese Übung bringt Ruhe und
Gelassenheit in Pferd und
Reiter!
■Sie bauen vier kleine Tonnen
oder Kanister im Viereck auf
(in einem Longierzirkel oder
einer Reitbahn) und lassen Ihr
Kind Zirkel, Volten, Achten,
Schlangenlinien und halbe Zirkel
um die kleinen Hindernisse
reiten.
■Dann hält es das Pferd in der
Mitte des Vierecks an, reitet
langsam und ruhig acht Schritte
vorwärts, hält wieder an und
richtet das Pferd vier Schritte
rückwärts. Dann pariert es
zum Halten durch, lässt es eine
Weile stillstehen und richtet
es nochmals vier Schritte
rückwärts. Diese "TonnenÜbungen"
fördern die Geschmeidigkeit
und Durchlässigkeit
und erziehen auch Ihr
Kind zu sauberer Hilfengebung
und Geduld.
■Legen Sie eine Stange quer über
den Hufschlag. Ihr Kind pariert
sein Pferd jetzt genau vor
dieser Stange zum Halten
durch und lässt es eine Weile
ruhig stehen. Dann reitet es
über die Stange weiter.
■Das nächste Mal hält es wieder
vor der Stange an, fordert
dann aber noch einen Schritt
vorwärts und lässt das Pferd
nur mit den Vorderhufen über
die Stange treten. Es darf die
Stange nicht mit allen vier Beinen
überschreiten! Diese
Übungen erfordern sehr viel
Konzentration, stimmen aber
Ihr Kind und das Pferd hervorragend
aufeinander ein!
■Sie legen zwei Stangen parallel
zueinander aus. Ihr Kind
reitet langsam durch diese kleine
Straße hindurch, hält sein
Pferd am Ende an und richtet
es langsam durch die Gasse
wieder rückwärts. Es sollte
nicht mit den Hufen anstoßen.
Durch eine solche Übung lernt
Ihr Kind, sein Pferd Schritt für
Schritt zu kontrollieren.
■Üben Sie "punktgenaues" Reiten:
Ihr Kind hält sein Pferd an
einem Punkt, den Sie genau
vorgeben, an. Das muss kein
Bahnpunkt sein, sondern – besser
noch – Sie markieren die
Stelle durch eine "Besonderheit"
(ein Stuhl am Bahnrand).
An bestimmten Punkten wechselt
es die Gangart oder wird
schneller beziehungsweise
langsamer. Diese Übungen
führt es nach und nach in jeder
Gangart durch; sobald es
sich sicher fühlt, auch im Galopp.
Sie fördern seine Gewissheit:
"Ich habe mein Pferd voll
im Griff!"
Gruppenübungen
In der Gruppe neigen viele Pferde
(vor allem, wenn sie im Unterrichtsbetrieb
eingesetzt werden)
dazu, sich an ihrem Vorderpferd
zu orientieren. Das
kann bei einem Ausritt recht angenehm
sein, weil so kein Pferd
"aus der Reihe schert".
Ihr Kind sollte dennoch in der
Lage sein, sein Pferd von der
Gruppe fortzubewegen, ohne
dass es sich ihm widersetzt oder
nur danach strebt, eilig zu "seiner
Herde" zurückzukehren. Regen
Sie den Reitlehrer, bei dem
Ihr Kind Unterricht erhält, zu folgenden
Gruppenübungen in der
Reitbahn an. Sie sind in der Praxis
deutlich schwerer nachzureiten,
als sie sich lesen, bereiten
aber hervorragend aufs Gelände
vor. Aus Sicherheitsgründen
nehmen die Kinder die letzten
zwei Übungen erst in Angriff,
wenn sie alle vorherigen problemlos
beherrschen.
■Die Kinder reiten die gängigen
Hufschlagfiguren, achten
aber sehr genau darauf, in allen
Gangarten in allen Tempi
wirklich genau eine Pferdelänge
Abstand zu halten. So lernen sie, noch genauer einzuwirken
und gewinnen allmählich
mehr Kontrolle über
ihr Pferd.
■Der jeweils Letzte der Gruppe
überholt auf dem zweiten Hufschlag
alle in der nächsthöheren
Gangart und übernimmt
die Tête. Diese Übung beugt
dem "Kleben" vor. Das Pferd
darf nicht länger hinterhertrotten,
sondern muss aktiv aus
der Reihe treten und an seinen
Artgenossen – auch ranghöheren
– vorbeigehen. Es
lernt, dass der kleine Reiter auf
seinem Rücken auf jeden Fall
"der Boss" ist.
■Jetzt reiten jeweils zwei Kinder
paarweise im Schritt nebeneinander.
Das erste Paar
trabt an, löst sich von der Gruppe,
reitet nebeneinander einen
kleinen Zirkel und schließt sich
hinten. Anschließend folgt das
nächste Paar und so weiter.
Die hinter dem fortreitenden
Paar reitenden Kinder lernen,
ihre Pferde mit sanften, aber
konsequenten Hilfen zurückzuhalten,
auch wenn diese
vom Gruppenunterricht gewohnt
sind, ihren Vorderpferden
alles nachzumachen.
Das fortreitende Paar muss sich
im Tempo aufeinander abstimmen.
Das Kind, das außen
reitet, muss sein Pferd etwas
antreiben, das innen reitende
zurückhalten.
■Die nächste Übung ist ähnlich,
nur reiten die Kinder jetzt einzeln
voneinander fort. Beide
Übungen lassen sich später
hervorragend auf einem größeren
Wiesenstück der Anlage
wiederholen. Dabei stellen Sie
eine Situation nach, die im
Gelände häufig beim Überqueren
von brachliegenden
Wiesen vorkommt! Gerade auf
Wiesen neigen viele Pferde
zum Pullen oder möchten im
Pulk gemeinsam los galoppieren.
Diese Übung schult
hervorragend die Disziplin.
■Als nächstes reiten die Kinder
zunächst im Schritt, dann im
Trab oder Tölt und nur, wenn
alle Kinder sehr sicher im Sattel
sind, auch im Galopp, in allen
Gangarten mit einem Sicherheitsabstand
von ungefähr
zwei Metern in Gegenrichtung
aneinander vorbei. Diese
Übung schult den Gehorsam
des Pferdes und den Mut und
das Durchsetzungsvermögen
des jungen Reiters.
■Eine recht schwierige Übung
besteht darin, dass jeweils ein
Reiter sein Pferd zum Halten
durchpariert, während alle anderen
weiterreiten oder alle anhalten
und wieder anreiten,
während ein Reiter stehen bleiben
muss. Diese Übung gehört
wieder zu den "Ich bin der
Boss"-Übungen, bei der das
Pferd lernen muss, seinen Herdentrieb
zu überwinden.
■Noch schwieriger wird es,
wenn die Gruppe zunächst
Schritt, dann Trab und – im
ganz fortgeschrittenen Stadium
– auch Galopp reiten und
ein Reiter aus der Gruppe ausscheren
muss. Er pariert sein
Pferd zum Halten durch und
lässt es still stehen. Bleibt das
Pferd wirklich gelassen dabei,
darf er sogar absitzen.
Risiko!
■Gerade die beiden letztgenannten
Übungen sind ausgesprochen
schwierig und bergen
auch ein gewisses Risiko.
Sie dürfen erst nach vielen
Übungseinheiten und auch nur
dann probiert werden, wenn
Sie und Ihr Kind sich des Gehorsams
des Pferdes sicher
sind. Die Möglichkeit, dass sich
das Pferd plötzlich doch "entscheidet",
zu seiner Herde
zurückzukehren und den kleinen
"Boss" zu ignorieren, sollten
Sie ausschließen können!
Geschicklichkeitstraining:
Eine der wichtigsten
Vorbereitungen
Auch das Wissen "Mein Pferd
passt gut auf und fällt nicht so
schnell hin!" gibt einem Kind sehr
viel Sicherheit im Gelände. Das
Vertrauen in die Zuverlässigkeit
des Pferdes wirkt sich positiv auf
die eigene Körperkontrolle aus
und lässt das Kind lockerer im
Sattel sitzen. Arbeit im Geschicklichkeitsparcours
– vom
Boden ebenso wie vom Sattel aus
– gehört daher zu den wichtigsten
Vorbereitungen auf das
Geländereiten.
Regen Sie zunächst etwas pfiffigere
Führübungen vom Boden
aus an, gern mit mehreren Kindern
und ihren Pferden! Sie frischen
damit das Führtraining auf
und verbinden es mit Geschicklichkeitsaufgaben.
Bauen sie aus
einfachen Hilfsmitteln wie Tonnen,
Kanistern, farbigen Boxen
und Holzstämmen oder Cavaletti
kleine "Straßen" oder Slalom-
Routen, auf denen die Pferde
auch über Holzstämme und
Stangen treten müssen.
Achtung:
Benutzen Sie ausschließlich
Hindernisse, an denen sich
das Pferd nicht verletzen
kann, falls es versehentlich
dagegen oder hinein tritt.
Kunststoff darf beispielsweise
nicht in scharfkantige Stücke
zersplittern.
Verfügt Ihr Reitbetrieb über einen
richtigen Geschicklichkeitsparcours,
trainiert Ihr Kind dort
weiter. Sein Pferd lernt dabei,
sich den Boden anzuschauen, bevor
es seine Hufe darauf setzt.
Es entwickelt Gefühl für seinen
Körper und insbesondere für seine
Gliedmaßen. Es baut Selbstsicherheit
auf, indem es erlebt:
"Ich kann es!" Auch das Selbstvertrauen
Ihres Kindes wächst,
weil es ihm gelingt, sich so präzise
mit seinem Pferd zu verständigen,
dass es nach einiger
Übung jeden Teil seines Körpers
"kontrollieren" kann.
So geht Ihr Kind richtig
vor
■Es lässt sein Pferd zunächst eine
Weile still stehen, damit es
sich in Ruhe umschauen und
die neuen Eindrücke auf sich
wirken lassen kann.
■Sobald es sich entspannt hat,
führt Ihr Kind es zwischen den
Hindernissen und um sie herum
spazieren. Das Pferd sollte
neben oder hinter ihm gehen.
■Ihr Kind lässt sich viel Zeit und
erlaubt dem Pferd, sich die
Hindernisse auch aus der Nähe
zu betrachten oder daran zu
schnuppern.
■Dann führt es das Pferd vor
ein einfaches Hindernis und
regt es an, sich den "Eingang"
genau anzuschauen, zu beriechen
oder mit dem Huf zu betasten.
Wichtiges Ziel: Das
Pferd sollte für einen Moment
den Kopf senken.
■Ihr Kind geleitet dann das
Pferd einen, zwei oder drei
Schritte in das Hindernis hin ein und hält es nach jedem
Schritt wieder an. Dieses Anhalten
ist sehr wichtig. Es stellt
sicher, dass das Pferd ihm weiter
Aufmerksamkeit schenkt
und bewusst die einzelnen
"Etappen" des Hindernisses
wahrnimmt.
■Ihr Kind achtet darauf, dass
das Pferd langsam durch die
vom Hindernis vorgegebene
Wendungen geht. Nach jeder
Wendung lässt es das Pferd anhalten
und still stehen.
■Statt zu ziehen zupft es nur
immer ganz kurz am Führstrick,
um es zum jeweils
nächsten Schritt zu ermuntern.
■Wird das Pferd zu eilig, schlenkert
es mit dem Führstrick oder
hebt die Gerte, um es zum
Zurückbleiben aufzufordern.
■Ist das Hindernis durchquert,
wendet es das Pferd, damit es
sich noch einmal anschaut, was
es soeben geleistet hat und lobt
es ausgiebig!
■Erst wenn Kind und Pferd vom
Boden aus routiniert die Hindernisse
bewältigen, ist es Zeit,
sie unter Ihrer Aufsicht vom
Sattel aus in Angriff zu nehmen.
Auch hier gilt wieder die
Regel: Keine Eile, sondern jedes
Hindernis Schritt für
Schritt durchqueren. Nach jedem
Schritt hält Ihr Kind das
Pferd an und lässt es ruhig stehen.
Dann erst fordert es die
nächste Bewegung.
Was Ihr Kind außerdem dabei
lernt:
Geschicklichkeitsaufgaben mit
dem Pferd haben eine sehr nachhaltige
positive Wirkung auf sein
Selbstvertrauen. Ihr Kind erfährt,
dass auch zunächst sehr schwierig
aussehende Aufgaben sich –
buchstäblich – in kleine Schritte
zerlegen lassen und dann mit
Überlegung und Ruhe durchaus
zu bewältigen sind. Sein Konzentrationsvermögen
wird gestärkt.
Indem es lernt, sein Pferd
zu beruhigen, trainiert es die
höchst wertvolle Technik, auch
sich selbst unter Kontrolle zu halten
und gelassen zu bleiben. Auf
diese Erfahrungen kann es in vielen
Bereichen seines Lebens
zurückgreifen.
Quelle: Heiner Wienkamp |
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