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Wie gut funktionieren
Schutzwesten? Manchmal fliegt man in hohem
Bogen vom Pferd, manchmal
klatscht man dem Vierbeiner direkt
vor die Füße. "Er ist über
den Kopf abgestiegen", den
Spruch kennen Sie doch bestimmt
auch. Nein, lustig sind
Stürze nicht, auch wenn sie hin
und wieder so aussehen.
Das Sprichwort: "Wer noch nie
vom Pferd gefallen ist, der hat
auch noch nie geritten", hat seinen
Wahrheitsgehalt. Denn niemand
kann leugnen, dass unser
geliebter Reitsport uns gelegentlich
"vom hohen Ross" katapultiert.
Wohl dem, der dann
außer an einen Schutzhelm auch
an einen Bodyschutz gedacht
hat.
Wie die modernen Schutzwesten
aufgebaut sind, aus welchen
Materialien sie bestehen, in welchem
Umfang sie wirklich schützen
und auf welche – absolut
wichtigen – Details beim Einkauf
zu achten ist, zeigt Ihnen
der PFERDEANZEIGER im folgenden
Beitrag auf. Am Anfang steht
der Fragenkatalog
Wie wirkt sich der Zuschnitt eines
Protectors auf die Schutzwirkung
aus? Welchen Prüfverfahren
werden Schutzwesten unterzogen?
Warum müssen sie hundertprozentig
passen, um wirklich
Schutz zu gewährleisten? Wie
findet man heraus, ob es sich um
wirklich geprüfte Ware handelt?
Warum sollte man im Sattel zur
Probe sitzen, ehe man eine
Schutzweste kauft? Und, und,
und ... Die Antworten auf all diese
Fragen finden Sie auf den folgenden
Seiten.
Das große Sicherheitsplus:
Der alte Schildkrötenpanzer
hat sich zum
modernen Body
Protector gemausert
Vielseitigkeitsreiter tragen ihn,
auch immer mehr Jagdreiter –
aber Freizeitreiter weisen den
einst als "Schildkrötenpanzer"
verschrienen Body Protector
noch weit von sich. Dabei mindert
die korrekt gefertigte, sicherheitsgeprüfte
Schutzweste
die Wirkung von Stößen und
Schlägen im Bereich von Brustbein,
Rippen, Oberbauch und
Rücken bis hinunter zum Lendenwirbelbereich
deutlich.
Bereits der Zuschnitt entscheidet
über die Schutzwirkung! Die
Schutzwirkung beruht zum einen
auf einem ausgeklügelten
Zuschnitt. Vorder- und Rückenteil
haben angeschnittene Seitenund
Schulterteile, jeweils vorn
mit Klettbändern zu schließen.
Ein weiterer Steg mit Klettverschluss
verläuft im Schritt vom
Rücken- zum Vorderteil.
Bei Bedarf können zusätzliche
Schulterkappen aufgeklettet werden,
die insbesondere das Schlüsselbein
schützen. Die Klettverschlüsse
erlauben eine Anpassung
an Taillenumfang und
Schulterform. Perfekter Sitz ist
unverzichtbar, soll die Weste
wirklich ihren Zweck erfüllen!
Das "schaumige" Innenleben
dämpft die Aufprallenergie
Der Clou ist der Drei-Schichten-
Aufbau. Unter der matt oder seidig
glänzenden textilen Außenhaut
(BW/Polyester) sitzen die
mit Belüftungslöchern ausgestatteten
Protektoren aus Kunststoffschaum.
Dessen Zusammensetzung und
Verarbeitungsstärke bestimmen
das Gewicht der Weste, die
durchaus 900 Gramm auf die
Waage bringen kann. Dafür mildert
sie die Energie, die bei dem
Aufprall auf die Erde auf den
Körper einwirkt, erheblich. Das
hautsympathische Innenfutter
(BW-Mix oder Polyester) lässt
sich bei etlichen Modellen schon
herausnehmen und waschen.
Eine Europa-Norm gibt es
erst seit dem Jahr 2000
Anders als für Reithelme, die,
um auf dem Markt zugelassen
zu werden, bereits seit 1996 die
Europa-Norm EN 1384 erfüllen
und die CE-Prüfbescheinigung
tragen müssen, gibt es eine Europa-
Norm für Schutzwesten
(EN 13158-2000) erst seit 1. Juni
2000. Eine DIN vor dem EN weist
auf die deutsche Fassung hin.
Prüfverfahren unter der
Lupe
Laut TÜV Rheinland erfolgt die
Bereitschaft zur Prüfung "eher
zögerlich", denn die Anforderungen
sind hoch:
● Unter anderem werden die
Maße der Schutzzonen-Abdeckungen
geprüft, da die Protektoren
genau definierte Körperbereiche
abdecken müssen.
● Um die Schutzwirkung gegen
Stöße zu testen, wird die Aufprallsituation
nachgestellt, indem
man hohe Gewichte auf
die Weste fallen lässt. Die Polsterstücke
dürfen sich keinesfalls
verschieben. ● Auch Anpassfähigkeit, Verstellbarkeit,
Ergonomie, Recyclebarkeit
und Gesundheitsunbedenklichkeit
werden geprüft.
Es dürfen z. B. keine allergenen,
cancerogenen oder
das Erbgut schädigende Materialien
verarbeitet sein.
● Zwingend erforderlich sind die
genaue Kennzeichnung und
das Vorliegen einer Gebrauchsanleitung.
Unterschiede:
Sicherheitsstufen
entscheiden stets über
den Schutzeffekt
Viele Modelle auf dem Markt
stammen aus Großbritannien
und sind nach den Standards
der British Equestrian Trade Association
hergestellt, die zwischen
den Levels BETA-1 (niedrigste),
2 (mittlere) und 3 (höchste
Sicherheitsstufe) unterscheidet.
Standard 3 empfiehlt sich
für hohe Anforderungen (Vielseitigkeit,
Jagdreiten, Jung- und
Korrekturpferde, Reitanfänger,
Reiter mit körperlichen Handicaps).
Für normales Freizeitreiten
(ohne Springen) reicht die
mittlere Stufe.
So schlimm ist’s ja gar nicht mit
der Optik! Gut auszusehen ist so
manchem Reiter wichtiger als der
Körperschutz, zumal der sich anfangs
etwas unbehaglich anfühlt.
Allerdings tritt der Gewöhnungseffekt
schnell ein.
Angenehm trägt sich ein Protektor
über Blusen und Rollis und
sieht dann eher wie eine normale
Weste aus. Entsprechend weiter
gestellt passt er sogar übers
Reit- oder Jagdsakko. Schwarz
über schwarz getragen fällt er
kaum auf.
Akzeptabel fühlt sich die
Schutzweste auch noch unter einer
ärmellosen Weste (mit größerem
Armausschnitt) an. Unter
langärmeligen schmalen Outdoor-
Jacken stellt sich schon mal
das Gefühl des Eingeengt-Seins
ein. Dann nicht auf den Protektor
verzichten, sondern besser eine
weitere Jacke drüberziehen!
Moderne Produkte machen die
Pflege einfach
Die Pflege ist umso einfacher, je
jünger das Baujahr der Weste ist.
Moderne Modelle haben eine Zusatz-
Ausrüstung gegen Staub-,
Fett- und Wasserflecken: Also
Schmutz einfach trocknen lassen
und ausbürsten. Bei vielen lassen
sich Außen- und Innenhäute
abnehmen und in der Maschine
waschen. Formstabil aufbewahrt
werden alle Protektoren
am besten auf einem Kleiderbügel.
Viele Tipps für den
Einkauf
● Achten Sie bei der Anprobe
darauf, dass die Weste Ihren
Körperformen genau folgt. Sie
darf Sie nicht einengen noch
dürfen sich bei starken Bewegungen
die einzelnen Teile verschieben.
Begnügen Sie sich
nicht mit dem nur ungefähr
passenden Modell, weil der
Fachhändler gerade nichts anderes
vorrätig hat!
● Kaufen Sie auch für Ihre Kinder
keine Weste "zum Mitwachsen"
oder versuchen Sie
nicht, sich durch eine kleinere
Größe schlanker zu machen.
Nur wenn die Größe exakt
passt, wirkt der Schutz. Fast
alle Modelle sind lieferbar in
den Kindergrößen I bis III und
in den Erwachsenengrößen S,
M, L, XL und XXL beziehungsweise
53 bis 63.
● Verzichten Sie nicht auf die
aufklettbaren Schulterschützer,
wenn Ihr Pferd zu den temperamentvolleren
Typen
gehört.
● Heben Sie bei der Anprobe die
Arme in Richtung imaginäre
Widerriste, als wollten Sie aufsitzen. Die Weste darf dabei
nicht verrutschen.
● Sitzen Sie – unbedingt! – Probe
auf einem Sattelmodell, das
Ihrem eigenen vor allem in
Sitzform und Höhe des Hinterzwiesels
entspricht. Beim
Aussitzen soll die Weste nicht
an den Sattel stoßen.
● Als Western-, Camarguepferde-
oder Iberischer Reiter werden
Sie eine Weile suchen müssen,
um ein Modell zu finden,
das Sie in dieser Sitzform nicht
behindert.
● Nehmen Sie beim Probesitzen
auch die Haltung im Springsitz
ein. Dabei darf das Vorderteil
der Weste weder länger
noch kürzer sein als Ihr unterer
Rippenbogen.
● Möchten Sie die Weste bei Reitjagden
tragen möchten, probieren
Sie sie über einem Jagdsakko
an.
● Ziehen Sie die Weste ein paarmal
an und aus. Je leichter das
klappt, desto schneller kann
man Ihnen nach einem möglichen
Sturz helfen!
● Denken Sie bei der Farbwahl
an Ihre vorhandene Reitkleidung
und kaufen Sie ein Modell,
das Ihnen optisch gefällt.
Das erhöht die Chance, dass Sie
die Weste wirklich anziehen!
Wissenswertes vom
TÜV
Alle in der EU verkauften Schutzprodukte
müssen den Richtlinien
für persönliche Schutzausrüstung
entsprechen und teilen sich
in drei Kategorien auf:
Kategorie 1: Produkte, deren Risiko
der Benutzer einschätzen
kann (Beispiel: Fingerhut).
Kategorie 2: Produkte für den
Schutz im Freizeitbereich. Sie unterliegen
der EG-Baumusterprüfpflicht.
Kategorie 3: Produkte, von denen
tödliche Gefahren ausgehen
können (Absturz, Explosion,
Chemieunfälle usw.).
Reithelme und Schutzwesten fallen
unter Kategorie 2. Für sie
brauchen Hersteller und Vertreiber
eine EG-Baumusterbescheinigung.
Dazu müssen die
Produkte in einer Prüfstelle in
Europa genau definierten Prüfungen
unterzogen werden. Bestehen
sie diese, wird die Prüfbescheinigung
erteilt. Die Produkte
dürfen das CE-Zeichen tragen,
d. h. sie sind für den freien
Warenverkehr in Europa zugelassen.
Freiwillig ist das GS-Siegel für
"geprüfte Sicherheit". Dieses nationale
Zeichen, das nur notifizierte
Stellen (wie der TÜV
Rheinland) vergeben dürfen, sagt
aus, dass das Produkt dem Geräte-
Sicherheitsgesetz entspricht.
Tipp für Sicherheitsbewusste
● Fragen Sie Ihren Händler nach
dem präzisen Aufbau des
Schutzprodukts. Wer genau
Bescheid weiß, hat kaum etwas
zu verbergen und damit
zugleich gute Verkaufsargumente
zur Hand!
● Trauen Sie sich zu fragen: "Zeigen
Sie mir mal die EG-Baumusterprüfbescheinigung.
Ich
fühle mich dann besser!" Daraus
geht hervor, wann und auf
welcher Grundlage geprüft
wurde und wie Zertifikat- und
Berichtnummer lauten. Beim
GS-Zeichen muss auch die
Prüfstelle drinstehen! Denn:
Leider soll gelegentlich auch
mit gefälschten Labels ausgestattete
Importware aus Asien
auf den Markt kommen, die
niemals irgendwelche Tests
durchlaufen hat!
● Übrigens: Verbrauchern mit
Internet-Anschluss bietet der
TÜV höchst erfolgreich an, sich
unterer www.tuv.com unter
dem Stichwort "Service" Informationen
einzuholen. Über
die jeweilige Produktbezeichnung
(hier gilt es unter Umständen
ein wenig zu suchen)
führen Links zu Prüfergebnissen
und Hersteller-Homepages
mit weiterführenden Angaben.
Text und Fotos:
Heiner Wienkamp |
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