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Über das Lernverhalten des Pferdes
Belohnung oder Strafe?
Was muss sein, was darf sein? Der eine Reiter "überschüttet" sein Pferd geradezu mit Händen voller Leckerwürfel, Zuckerstückchen
oder fein säuberlich zerteilter Möhrenscheiben und schiebt ihm für jede nette Geste, jede gelungene
Lektion einen "Belohnungsbonbon" ins weiche Maul. Der nächste hält vom Belohnen überhaupt
nichts, sondern empfindet es als Selbstverständlichkeit, wenn das Pferd unterm Sattel oder an der
Hand "für ihn arbeitet", denn immerhin, so meint er, "sorge er für einen ordentlichen Stall und reichlich
Futter".
Der dritte wiederum geizt nicht mit Strafen und scheut sich nicht, Sporenstiche oder Peitschenhiebe
anzubringen, wenn das Pferd nicht so "funktioniert", wie er sich das vorstellt. Der vierte hingegen
weist jede Form der Bestrafung als tierquälerisches Verhalten weit von sich ... Und dazwischen
gibt es Tausende von "Grauzonengängern": Pferdehalter, die mal so, mal so handeln und sich entweder
wenig Gedanken über das Thema Belohnen und Strafen machen oder offen zugeben: "Ich
weiß nicht genau, was gut für mein Pferd – und für meine eigene Beziehung zu ihm – ist!"
Aus diesem Grund hat sich der PFERDEANZEIGER einmal intensiver mit dem Thema Lob und Tadel
auseinandergesetzt und gibt Ihnen interessante Tipps und Denkanstöße für Ihren Alltag mit
dem Pferd. Ein bisschen Psychologie:
Was Sie über die Fachbegriffe
wissen sollten ...
Was Belohnung und Strafe ist,
wissen wir alle seit unserer Kindheit.
Für die Note Eins in der Rechenarbeit
gab es einen Euro in
die Spardose, für die Note Fünf
(vor allem, wenn sie auf Faulheit
und unseren Unwillen, vor der
Klassenarbeit fleißig zu üben,
zurückzuführen war) vielleicht
Taschengeldentzug oder einen
Nachmittag Hausarrest.
Dem unartigen Kind drohten unsensible
Eltern mit dem Erziehungsheim.
Aber andererseits
konnte der Klassenprimus mit
der besten Abiturnote möglicherweise
mit einem funkelnagelneuen
Auto rechnen, gestiftet
von überaus stolzen Großeltern!
Belohnung und Strafe
sind so alt wie die Welt
Schauen wir uns doch einmal im
Tierreich um! Die Stute brummelt
auffordernd, um ihr Neugeborenes
zum Aufstehen zu animieren
– die schönste, schmackhafteste
und zugleich lebenserhaltende
Belohnung für die gelungene
Anstrengung ist der erste
Schluck warmer Milch aus der
mütterlichen Zitze. Und ein
schmerzhaftes Zwicken mit energisch
zupackenden Zähnen weist
das vorwitzige Jungpferd in die
Schranken, wenn es dreist die
Altstute beim Dösen stört.
Die Gene fordern:
Sei lieb und artig
Sich über die gelungene Leistung
eines anderen – sei es ein Tier,
sei es ein uns lieb gewordener
Mensch – zu freuen und diese in
irgendeiner Form zu honorieren
ist offensichtlich in unsere Gene
einprogrammiert. Wir belohnen
mit Liebe, Zärtlichkeit, Worten,
Gesten, Dienstleistungen und
materiellen Gaben. Wir strafen
mit schmerzhafter Gewalt, Liebesentzug,
Reserviertheit und
Zurücknahme von Gesten und
Gaben aller Art.
Handlungsweisen
Was angenehm ist, kann zugleich
Belohnung sein! Denn Belohnung,
so sagen die Psychologen
in ihrer etwas kompliziert klingenden
Fachsprache, ist die "Bezeichnung
für die Wirkung von
Ereignissen, die mit angenehmen
Empfindungen, zum Beispiel Bedürfnisbefriedigung
einher gehen
und auf bestimmte Reaktionen
oder Handlungen folgen".
Einfacher ausgedrückt: Mein gut
erzogenes Pferd gehorcht meinem
Kommando (es bleibt auf
das akustische Signal "Steh!" still
stehen und rührt sich nicht vom
Fleck). Dies ist eine Handlung
beziehungsweise seine Reaktion
auf meinen Befehl, stehen zu bleiben.
Nach vollbrachter Übung
reiche ich ihm einen Leckerwürfel,
den es mit Appetit frisst.
Der Wohlgeschmack ist eine angenehme
Empfindung; zugleich
stillt der Würfel das biologische
Bedürfnis nach Nahrung.
Der PFERDEANZEIGER
hinterfragt
Was stillt die biologischen Bedürfnisse
des Pferdes und
wird von ihm als angenehm
empfunden?
■Wohlschmeckende Futtermittel
(angenehmer Geschmack,
Anregung des
Appetits, Stillen des Hungers).
■Kräftiges Kraulen im Bereich
von Mähnenkamm, Widerrist
und Kehlgang (wohliges,
entspannendes Gefühl,
Stillen des Wunsches nach
sozialem Kontakt).
■Wälzen auf geeignetem Boden
(Durchblutungsförderung,
angenehmes Körpergefühl,
Lockerung der Muskulatur,
Stillen von Juckreiz,
Eigenfellpflege).
■Entspanntes Stillstehen
(Körperentspannung, Gefühl
von Sicherheit und Geborgenheit)
.
Zuspruch als Belohnung:
"Bekomme ich wieder
einen Leckerwürfel?"
In der Psychologensprache heißt
es: "Belohnung besitzt einen verstärkenden
Effekt auf die vorher ausgeführte Reaktion oder
Handlung, sodass diese in derselben
oder in ähnlichen Situationen
mit größerer Wahrscheinlichkeit
auftritt."
In der Praxis bedeutet dies, dass
das Pferd beim nächsten Mal
(weil es sich natürlich an das gut
schmeckende Lob erinnert) voraussichtlich
wieder gern stehenbleibt,
wenn ich "Steh!" sage. Indem
es das Kommando willig
ausführt, hofft es zugleich,
anschließend wieder mit einem
Leckerchen belohnt zu werden.
Doch nicht nur materielle Dinge
oder "Streicheleinheiten" in
Form von körperlichen Berührungen
können Belohnung sein.
Vor allem (aber keineswegs nur!)
bei uns Menschen ist auch
freundlicher Zuspruch eine oft
heiß ersehnte Belohnung. Wer
"sonnte" sich nicht in lobenden,
freundlichen Worten? Ein "Das
hast du toll gemacht!" oder "Diese
Arbeit ist dir hervorragend gelungen
– so gut habe ich sie noch
nie ausgeführt gesehen!" schmeichelt
uns enorm.
Es ruft höchst angenehme Gefühle
der Befriedigung in uns
hervor, die wir gern erneut erleben
möchten. Also werden wir
uns das nächste Mal ebenfalls
wieder anstrengen. "Zu den belohnenden
Verstärkern einer
Verhaltensweise" – das ist wieder
Psychologenjargon –
"gehören neben Maßnahmen der
Befriedigung primärer (biologischer)
Bedürfnisse also auch alle
Arten des direkten oder indirekten
Zuspruches oder Einverständnisses."
"Schau, ich mache
alles richtig!"
Hat ein Individuum in einer Situation
Belohnungen beziehungsweise
positive Verstärkung
empfangen, so beobachtet
man in ähnlichen Situationen
gehäuft Anzeichen gezielten Suchens.
Ein Kind wird am Strand
vielleicht versuchen, eine ähnlich
schöne Burg wie am Vortag
zu bauen, um wieder gelobt oder
zu einem Eis eingeladen zu werden.
Wie gezielt Pferde nach Belohnung
in Form der in der
Jackentasche des Reiters verborgenen
Leckerwürfel suchen, ist
allseits bekannt.
Es gibt aber durchaus auch
andere und ebenso zielgerichtete
Aktionen des Suchens nach
Lob. Intelligente Pferde lernen
schnell und empfinden den Zuspruch
des Reiters bei Gelingen
einer neuen Lektion als angenehm
lustvoll.
Im Übereifer zeigen sie die gelungene
Lektion dann oft ohne
Aufforderung durch die entsprechenden
reiterlichen Hilfen
– nur, weil sie gern wieder gelobt
werden und gefallen möchten.
In solchen Fällen muss der Reiter
sehr behutsam durch abwechslungsreich
gestaltete (und
häufig in anderer Reihenfolge
ablaufende) Arbeit dem Vorgreifen
des Pferdes selbst vorgreifen,
um ihm freundlich klarzumachen,
dass es zunächst auf
die reiterlichen Hilfen warten
möge. Jede Strafe würde in diesem
Zusammenhang die Motivation
des Pferdes und seinen
Lerneifer aufs Schädlichste unterminieren!
Der PFERDEANZEIGER
verdeutlicht
Auch Tiere sprechen auf verbales
Lob ausgesprochen positiv
an. Jeder hat schon das
begeisterte Schweifwedeln eines
Hundes erlebt, der bei einem
"Fein gemacht, Purzel!"
seines Herrchens oder Frauchens
schier aus dem Häuschen
gerät.
Ebenso möchten Pferde uns
gefallen – durch Gehorsam,
durch eine schön ausgeführte
Lektion, durch freundliches
Benehmen. Sie erkennen –
zunächst mehr an unserer
Körpersprache –, ob Ihr Verhalten
uns angenehm ist.
Kombinieren wir die eigene
positive Körperreaktion mit
einem liebevollen und lobenden
Wort, so wird dieses bald
denselben Stellenwert wie ein
gut schmeckender Leckerwürfel
oder Apfelstückchen
annehmen.
Wer Angst hat, kann nicht
lernen:
Was heißt eigentlich
Strafe ganz genau?
Strafe hingeben wird in der Psychologensprache
bezeichnet als
"ein auf eine Handlung folgendes
unangenehmes beziehungsweise
schmerzhaftes Ereignis –
in der Absicht verabreicht, das
Wiederauftreten der Handlung
zu unterbinden."
Aufs Pferd übertragen: Das Pferd
bockt und der Reiter zieht ihm
einen gehörigen Hieb mit der
Gerte über. Damit signalisiert er
dem Tier: "Das, was du da tust,
bringt mich in Gefahr – ich wünsche
es nicht, und daher bestrafe
ich dich dafür!"
Früher wurde angenommen,
dass Bestrafung auf direktem
Wege zu einer Dämpfung oder
Hemmung derjenigen Reaktionen
oder Handlungen führen,
die ihr vorausgehen.
Also durfte der Reiter zunächst
glauben, dass sich das Pferd den
Gertenhieb nach dem Bocken
merkte und das Bocken sein ließe.
In Wirklichkeit aber trieben die
Peitschenhiebe das Bocken nicht
aus, sondern beeinflussten nur
das Lernverhalten des Pferdes
negativ. Die Angst vor dem Geschlagenwerden
minderten seine
Motivation und Konzentration
bei der Zusammenarbeit mit
dem Reiter.
Was Sie tun sollten ...
Ehe Sie überhaupt an das Bestrafen
bestimmter Verhaltensweisen
Ihres Pferdes denken,
sollten Sie diese analysieren und
mögliche Ursachen erkennen
und ausräumen.
■Gibt es Mängel im Haltungsbereich,
die das Pferd in seinem körperlichen und seelischen
Wohlbefinden beeinträchtigen?
Ein Pferd, das sich
nicht ausreichend frei bewegen
kann, könnte beispielsweise
eben zum Bocken neigen,
einfach weil es auf diese
Weise Muskelverspannungen
lösen möchte.
■Liegen Fütterungsfehler vor?
Große Mengen eiweißreichen
Kraftfutters lassen so manches
Pferd genau dann "explodieren",
wenn der Reiter im Sattel
sitzt. Umgekehrt kann ein
unter bestimmten Nährstoffmängeln
leidendes Pferd keine
Höchstleistung erbringen,
selbst wenn der Reiter das Training
noch so durchdacht aufbaut!
■Schreckhaftigkeit mit heftigen
Scheusprüngen, die den Reiter
nicht nur ärgern, sondern
auch in Gefahr bringen und
die er dem Pferd daher austreiben
will, können schlicht
auf "blank liegende Nerven"
zurückzuführen sein, die hervorragend
auf Magnesium-
Gaben ansprechen. Ein nicht
passender Sattel, ein in den
Maulwinkeln zwickendes Gebiss,
ein Schweifriemen, unter
dem sich ein paar Haare eingeklemmt
haben – all dies können
Auslöser für Verhaltensweisen
sein, die nur auf den
ersten Blick auf Ungehorsam,
Unwillen, Arbeitsverweigerung
oder Widersetzlichkeit
hinweisen.
Merke:
Strafen wirken sich langfristig
negativ aus
Verhaltensweisen, von denen
Sie glauben, sie bestrafen zu
müssen, sind Wirkungen, für
die es Ursachen gibt. Wenn Sie
die Ursachen finden und ausräumen,
verschwindet die Wirkung
und es gibt keinen Grund
mehr für Strafe!
Bestrafung, so fand man in zahlreichen
Versuchen heraus, besitzt
darüber hinaus einen, wie es in
der Fachsprache heißt, "verhaltensdesorganisierenden
Effekt".
Sie beeinträchtigt nachfolgendes
Lernen, selbst wenn der Lernerfolg
belohnt wird. Die ängstliche
Erwartung einer Bestrafung
sitzt tiefer als das neugierige oder
freudige Interesse an einer Belohnung.
Die ursprüngliche Annahme,
Belohnung fördere und
Bestrafung hemme das vorher
ausgeführte Verhalten in symmetrischer
Weise, musste daher
aufgegeben werden.
Auch Tiere kennen
Vermeidungsstrategien
Wer eine Bestrafung kennen und
fürchten gelernt hat, versucht im
Allgemeinen, sie künftig zu vermeiden.
Ob Mensch, Hund oder
Pferd: Er tüftelt mehr oder minder
raffinierte Vermeidungsstrategien
aus. Der Mensch könnte
beispielsweise lügen, der
Hund sich ducken, winseln und
seinem Herrn die Hand lecken,
das Pferd fliehen.
Haben Mensch, Hund und Pferd
damit Erfolg (sie werden nicht
bestraft), genießen sie das damit
verbundene Gefühl der Entspannung
und werden nun in derselben
oder in ähnlicher Situation
(auch wenn keine Bestrafung
erfolgen soll) wieder versuchen,
dieselbe Vermeidungstendenz
einzuschlagen.
Mediendienst Wienkamp |
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