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Über Futterneid,
Gier und Bettelpferde Wenn Sie im Frühjahr bei Pferden
Verhaltensweisen studieren
wollen, geht das kaum besser
als vor und während der Fütterung.
Da finden sich die unterschiedlichsten
Temperamente.
Das eine Pferd wartet geduldig
auf seine Portion Hafer, ein anderes
scharrt mit dem Vorderhuf,
schlägt mit dem Kopf und
gibt seiner Ungeduld durch
Hin- und Herlaufen und eifrige
Hörlaute Ausdruck.
Auch während des Fressvorgangs
sind die Verhaltensweisen
recht unterschiedlich. Wenn
der Futtermeister zu Tisch bittet,
fressen die Tiere mal behutsam
und gelassen, mal
schnell und gierig. Einige werden
richtig biestig, wenn ein
Nachbar versucht, ein paar Haferflocken
von nebenan zu erhaschen.
Was ist normal, was nicht?
Wann kommt Beunruhigung
beim Pferdehalter auf, wann
stoische Gelassenheit, weil man
weiß, dass die meisten Handlungen
einen ganz natürlichen
Ablauf haben.
Um diese Verhaltensweise besser
verstehen und tolerieren zu
lernen, ist es höchst interessant,
der Stammesgeschichte der Lebewesen
nachzugehen. Pferde
haben, obwohl sie domestiziert
sind, die wenigsten Wandlungen
hinter sich gebracht.
Wir wollen nicht zu wissenschaftlich
werden, können auch
keine aufsehenerregenden Ergebnisse
erzielen oder sensationellen
Neuigkeiten vermitteln,
doch werden sich manche
als Untugend erscheinenden
Eigenschaften als ihr genaues
Gegenteil erweisen: als sinnvolle
Handlungen und Reaktionen,
die von früheren Generationen,
die in der Wildheit
überleben mussten, vererbt
worden sind.
Widernatürliche Vorlieben:
Tibetanische Postpferde
sind sogar an Schafblut
gewöhnt
Es gibt Pferde, die eine manchmal
geradezu widernatürlich anmutende
Vorliebe für einzelne
Futterstoffe haben. Bekanntlich
kann man dem reinen Pflanzenfresser
Pferd bei entsprechender
Gewöhnung auch tierisches Eiweiß
unter das Futter mengen,
also etwa Fischmehl oder Ei- und
Milchpulver.
Ja, tibetanische Postpferde sind
sogar an frisches, unter Hirsebrei
verrührtes Schafblut gewöhnt,
und die isländischen
Ponys sollen in Hungerzeiten zusammen
mit Seetang Fischabfälle
fressen.
Küken-Futter
Zur Konditionssteigerung bei
Hochleistungspferden ist das
Verfüttern von rohen Eiern ebenfalls
verbreitet. Es wurde sogar
schon eine Warmblutjungstute
beobachtet, die mit Leidenschaft
tote Eintagsküken fraß.
Fast noch ekelhafter wirkt das
weitverbreitete Kotfressen sehr
junger Fohlen, die sich in der Box
oft ziemlich ausgiebig an den
frisch gefallenen Rossäpfeln der
Mutter gütlich tun.
Nervöse Störungen
Abgesehen davon, dass sie sich
dadurch natürlich häufig schon
im frühen Säuglingsalter mit
Wurmparasiten infizieren,
scheint diese Handlung durchaus
physiologisch zu sein, denn
man vermutet, dass die Pferdekinder
mit dem Kot der Stute die
später für sie notwendigen
Darmmikroorganismen aufnehmen.
Es ist wahrscheinlich wenig bekannt, dass ein starker Befall
mit Spulwürmern, der ja besonders
bei Fohlen und jungen
Pferden auftritt, ausgesprochen
nervöse Störungen im Gefolge
hat, da die Würmer ein Nerven
schädigendes Gift absondern.
Die sich in übergroßer Ängstlichkeit,
hektischem Wesen und
unberechenbaren, sprunghaften
Reaktionen äußernden Symptome
lassen sich durch eine rechtzeitige
Wurmbekämpfung
schnell wieder abstellen.
Auswahl der Futterstoffe
Die Auswahl der Futterstoffe
bei freier Futterwahl richtet sich
stark nach den Jahreszeiten.
So werden Eicheln im Herbst,
wenn vorhanden, von Isländern
derart bevorzugt, dass man fast
von einer Eichelmast analog der
der Wildschweine sprechen
könnte, die das nötige Unterhautfettpolster
für die kommende
Kälte gewährleistet.
Später weichen die Tiere auf
Zweige und Baumrinde aus und
verschmähen selbst die Äste von
Nadelhölzern nicht.
Im Winter muss das Futter jedoch
zur Hauptsache unter der
Schneedecke hervorgescharrt
werden, wobei im Gegensatz
zur Laufaktivität keine ausgeprägte
Rechts- oder Linkshändigkeit
der Vorderbeine zu beobachten
ist. Manche Pferde
wühlen sich mit der Nase zur
Grasfläche vor und schieben
den Schnee dann wie mit einem
Schneepflug vor sich her, ausgesprochene
Nordpferde haben
dazu eine besonders geeignete
Nasen- und Nüsternform entwickelt.
Interessanterweise scharren
selbst Zebras in unseren Breiten
Futter unter dem Schnee
hervor, was, weiß man etwas
über die Stammesgeschichte
der Lebewesen, für ein sehr hohes
Alter des Scharrens als Verhalten
spricht.
Über den Futterneid:
Die Kräftigsten sichern
sich zuallererst ihren
Fressanteil
Scharren kann bei Stallpferden
zu einer äußerst lästigen und
geräuschvollen Untugend werden,
die vor den Fütterungszeiten,
bei denen sich viele Tiere
ausgesprochen aufregen und
durch auffallende Drohgesten einen
unübersehbaren Futterneid
demonstrieren, hauptsächlich
ausgetobt wird.
Der Futterneid, der bei manchen
Individuen gefährliche Formen
annehmen kann, fehlt in der Natur
fast vollständig, die den Tisch
für alle Herdenmitglieder normalerweise
gleich gut deckt, sodass
keinerlei Notwendigkeit besteht,
wie Raubtiere um das Futter
zu kämpfen.
Egoismus
Pferde pflegen im Allgemeinen
in den länger dauernden Weideperioden
verhältnismäßig weit
verstreut und mit weitem Abstand
von Tier zu Tier zu weiden,
wobei der Familienverband
deutlich sichtbar gewahrt bleibt;
sie können kurzzeitig, aber auch
sehr eng nebeneinander grasen,
ohne sich gegenseitig dabei zu
bedrohen.
Sobald jedoch ein Mangel an einem
Nahrungsstoff auftritt, tritt
ein durchaus dem menschlichen
Benehmen vergleichbarer gesunder
Egoismus und Futterneid
in Erscheinung, und die kräftigsten
Tiere sichern sich immer zuerst
ihren Anteil.
Scheinbar ungerecht
Der bei ramsköpfigen Pferden
oft stark auftretende Futterneid
lässt sich durch die extrem karge
Urheimat solcher Rassen erklären,
in der gleichsam jedes
Grasbüschel verteidigt werden
musste.
Bei unseren Stallpferden entsteht
der Futterneid vielfach nur dadurch,
dass sie meist nicht ganztägig
etwas Fressbares zur Verfügung
haben, sondern die relativ
kleinen Futtermengen zeitlich
eine absolute Mangelware sind.
"Hau ab!"
Besonders deutlich lässt sich das
beobachten, wenn man Gras oder
Heu in einem Auslauf verteilt,
denn die ranghöchsten Pferde
vertreiben alle übrigen unter dem
größten Aufwand, wodurch es
nicht allein zum Verderben von
Futter, sondern zu einer ausgesprochen
ungerechten Futterverteilung
kommt.
Eine analoge Situation ergibt sich
in vielen Gestüten, wenn die Absetzer
von der Mutter getrennt
und in gemeinsamen Boxen zu
zweien aufgestallt werden.
Die an sich richtige Überlegung,
die der Vereinsamung des Einzeltieres
vorbeugen soll, hat den
Nachteil, dass ein Fohlen immer
dann zu kurz kommt, wenn man
die Tiere bei den Kraftfuttergaben
nicht anzubinden pflegt, dass
auch hier das stärkere Jungtier
das andere verdrängt. Dieses
bleibt dann häufig in der Entwicklung
leicht zurück.
Wenn Pferde um Futter
betteln:
Die Liebe zum Pferd
kann hier manchmal
sehr lästig werden
Eine besonders lästige Angewohnheit
unserer Pferde, die
ihnen allerdings ausschließlich
vom Menschen beigebracht wurde,
ist das Futterbetteln.
Viele Pferdefreunde können an
keiner Weide vorbeigehen, ohne
ihren oder fremden Tieren ein
Stückchen Zucker oder ein
Mohrrübchen zuzustecken. So
liebenswert diese Haltung sein
mag, den Pferden tut man meist
nichts Gutes damit. "Radfahrer-Reaktion"
Nicht nur, dass man sie zu ständigem
Betteln erzieht, sobald ein
Mensch in Sichtweite erscheint,
man löst damit häufig auch die
sogenannte Radfahrerreaktion
aus, denn das schöne menschliche
Prinzip "nach oben buckeln,
nach unten treten” ist bei zahlreichen
Haustieren ebenso beliebt.
Kommt man mit einem Zuckerstück
bewaffnet an einen Weidezaun,
entsteht in der Regel zuerst
ein ziemliches Gedränge,
und das ranghöchste Tier wird
sich den Leckerbissen schnappen.
Bisse und Schläge
Verständlicherweise sind die anderen
Pferde, die den Zucker genauso
gerne haben möchten, sauer.
Was so weit geht, dass sie
ihrem Unmut irgendwie Luft machen
müssen, wobei sie sich dann
an rangniederen Tieren, die im
Allgemeinen etwas weiter entfernt
von der Süßigkeitenquelle
stehen, völlig grundlos mit Bissen
und Schlägen abreagieren.
Dass dadurch Verletzungen entstehen
können, liegt auf der
Hand.
Rangeleien
Abgesehen davon, dass man sich
im Grunde genommen auf
dummdreiste Weise anbiedern
will, kann man viele solcher von
Gästen frequentierte Weiden später
kaum mehr ohne Gefahr betreten,
da die Pferde ausgesprochen
lästig werden und bei ihren
Rangeleien miteinander im Eifer
des Gefechtes oft den Zweibeiner
unter sich vergessen.
Das Wehgeschrei bei einer dadurch
entstandenen Beschädigung
eines Besuchers ist dann
immer groß, und das Tier, das
den Unfall verursacht hat, wird
meist sofort als Verbrecher abgestempelt.
Füttern mit Verstand
Man darf seinen Tieren durchaus
Leckerbissen füttern, wenn
man die Radfahrerreaktion dabei
vermeiden kann, also im
Stall etwa. Geeigneter als
Zucker sind sicher Mohrrüben,
die auf den Parasitenbefall jedoch
keinerlei Einfluss haben,
wie hartnäckig geglaubt wird.
Und vor allem Äpfel, die eigentlich
jedes Pferd mit Leidenschaft
frisst und in Obstgärten
nicht nur vom Boden aufnimmt,
sondern auch von den
Zweigen holt, soweit sie nur irgendwie
zu erreichen sind.
Fohlen sind wie kleine Kinder:
Sie stecken alles in den
Mund
Bei Fohlen, die ihre Umwelt erst
mit allen Sinnen kennen lernen
müssen, geht eine ihrer Haupterforschungsaktivitäten
noch wie
bei kleinen Kindern über den Geschmackssinn.
Das heißt: Sie
stecken alles in den Mund, sie
beknabbern und belecken jeden
unbekannten Gegenstand.
Meist aus Langeweile
Dagegen beißen ältere Pferde
meist aus Langeweile, die vielfach
aus zu kurzen Fresszeiten
entsteht, an irgendwelchen Dingen
herum, was bei bewegungsaktiven
Tieren zu sogenannten
Übersprungsreaktionen,
wie etwa dem vehementen
Benagen eines Futtertroges direkt
vor der Fütterung, führen
kann oder zu richtigen Stalluntugenden
auszuarten vermag.
Neben dem hauptsächlich bei Trabern
verbreiteten Zungenspielen
und Lippenschlagen, deren Ursachen
teilweise sicher in den vielseitigen
und oft scharfen Gebissen
und dem Festbinden der Zunge
bei vielen Startpferden mitbegründet
liegen, ist die unliebsamste
dieser Untugenden wohl
das Koppen, das dem bewusst
unter Ausstoßen des Koppertones,
eines dem Rülpsen ähnlichen
Lautes, Luft geschluckt wird.
"Unart”
Diese von manchen Pferden nur
bisweilen ausgeführte "Unart”
wird bei anderen zur ausgesprochenen
Sucht und stundenlang
praktiziert, wodurch Verdauungsstörungen
und in deren
Gefolge ein schlechter Ernährungszustand,
ja manchmal
sogar tödliche Koliken entstehen
können.
Das Wort Unart ist hier bewusst
in Anführungsstriche gesetzt
worden, da wir es hier wie beim
Weben mit einer an sich wieder
vom Menschen provozierten Ersatzhandlung
zu tun haben, mit
der gerade lebhafte, psychisch
besonders aktive Tiere, wie man
sie für den Leistungssport
braucht, das unerträgliche, stundenlange
Herumstehen in einer
Box zu kompensieren versuchen.
Text/Fotos: Mediendienst Wienkamp |
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